 Klick aufs Bild = vergrößern | In Frankreich und Belgien ist „Largo Winch“, die Geschichte eines Milliardenerben und seiner Abenteuer in der Hochfinanz, seit 20 Jahren eine höchst erfolgreiche Comic-Reihe: Band Nummer 17 erscheint 2010. Die aufwändige und sehenswerte Verfilmung, unter anderem mit Kristin Scott Thomas, war in Frankreich ein Kino-Hit und kommt nun als DVD-Premiere zu uns. Zeichner der Serie ist der Belgier Philippe Francq (48). Ein Interview zur Verfilmung.
Was für eine Erfahrung ist das, den eigenen Comic als Film auf der Leinwand zu sehen, übertragen in ein anderes Medium? Frustrierend, weil man manches anders gemacht hätte? Oder interessant?
Es ist überhaupt nicht frustrierend – ganz im Gegenteil. Es ist ein Erfolgserlebnis. Denn wenn unsere Geschichten oder unsere Figuren für das Kino interessant sind, dann ist das eine Art Auszeichnung für unser „Papierwerk“, ein Zeichen dafür, dass unsere Arbeit es offensichtlich Wert ist, darin Millionen von Euro zu investieren. Außerdem ermöglicht dieser Film uns Largo Winch einem neuen und sehr viel größerem Publikum näher zu bringen, besonders wenn der Film dann auch auf DVD erscheint oder später im Fernsehen ausgestrahlt wird. Das ist einfach aufregend, vor allem weil der Film wirklich allen unseren Erwartungen entspricht.
Waren Sie am Film kreativ direkt beteiligt?
Überhaupt nicht. Von der Drehbuchzusammenstellung abgesehen wollten mein Autor und ich uns nicht in die Arbeit von Jérôme Salle einmischen. Wir haben aber natürlich gerne unsere Ansichten zur ersten Schnittversion geäußert. Denn in dieser Phase der Filmherstellung kann das ganze Projekt noch ins Negative kippen, selbst wenn die Schauspieler und die Aufnahmen großartig sind. In diesem Stadium missglückt oder gelingt ein Film, das hängt ganz vom richtigen Tempo und der Anordnung der Szenen ab.
Mögen Sie den fertigen Film?
Ja, sehr. Wenn er mir nicht gefallen hätte, hätte ich auch keine Interviews dazu gegeben oder die Produktion über zwei Monate lang begleitet und bei der Promotion unterstützt.
Haben Sie im Film Einstellungen und Kameraperspektiven wiedergefunden, die direkt aus Ihrem Comic stammen?
Auch wenn die Bildgestaltung eines Comics und die Bildeinstellungen eines Films sehr unterschiedlich gehandhabt werden, gibt es Szenen im Film, in denen ich fast bis ins Detail eine Kulisse erkenne, die ich gezeichnet habe. Besonders auffällig ist das beispielsweise in den Szenen auf der Insel Sarjevane.
Die Farbdramaturgie ist in Ihren Zeichnungen sehr wichtig und abwechslungsreich. Hätten Sie sich eine deutlichere Bildsprache im Film gewünscht?
Nein, ganz und gar nicht. Was die Farbgestaltung des Comics anbelangt, so entspricht sie einfach dem Trend unserer heutigen Zeit und wird sehr von den Möglichkeiten inspiriert und beeinflusst, die einem die Computer und Laserdrucker heutzutage eröffnen.
Der Film nimmt sich viele Freiheiten von der Vorlage – sehen Sie das als Verfälschung?
Der Film hat sich keine Freiheiten erlaubt, die wir uns nicht selbst auch genommen hätten – das macht ihn in unseren Augen auch so interessant! Wenn Sie die Fortsetzung von Largos Abenteuern in Band 17 lesen, der 2010 erscheint, werden sie verstehen, was ich meine. Die Geschichten dieses jungen Milliardärs zeichnen sich vor allem ganz essentiell dadurch aus, dass sie sich sehr stark am aktuellen Zeitgeschehen orientieren. Da der erste Band aber schon 1989 gezeichnet wurde, also immerhin 20 Jahre alt ist, was mich nun auch nicht gerade jünger aussehen lässt, trifft die Geschichte damit natürlich nicht mehr ganz auf die heutige Lage zu. Jérôme Salle aber hat es verstanden, die Geschichte dem heutigen Verständnis und Geschmack anzupassen und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Das ist der Beweis dafür, dass er den wesentlichen Kern des Comics genau verstanden hat.
Die Comic-Verfilmung „Watchman“ wurde dafür kritisiert, dass er zu nah an der Vorlage bleibt – finden Sie solch einen Vorwurf zutreffend oder absurd?
Es hängt ganz davon ab, was der Comic selbst ausdrücken und vermitteln möchte, von dem, was er in der Vorstellung des Lesers auslösen will. Dabei handelt es sich aber meist um nichtgreifbare Dinge, die nur schwer zu quantifizieren und zu messen sind. In diesem Bereich ist eher eine gewisse künstlerische Sensibilität entscheidend. Man kann einen Comic nicht wie ein Kochbuch verwenden, dessen Zutaten man einfach abmisst und dann auf die Leinwand überträgt.
„Largo Winch“ ist in Deutschland nie so bekannt geworden wie in Frankreich und Belgien. Glauben Sie, dass das an der Handlung der Serie liegt? Oder ist Deutschland generell ein schwieriger Markt für Comics?
Natürlich unterscheidet sich der Markt in Deutschland von dem des französischen Sprachraums. Aber ich glaube fest daran, dass der Comic auch hier bald eine zunehmend wichtigere Stellung einnehmen wird. Ich denke, dass sich in Zukunft verstärkt deutsche Comictalente, Autoren oder Zeichner, einen Namen in der Branche machen werden. Denn das Lesen von Comics löst faszinierenderweise immer bei einer bestimmten Gruppe der Leser der neuen Generation den Drang aus, später genau das selbst zu erschaffen, was sie als Kinder und Jugendliche so begeistert hat. Aber um noch mal auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Da ich die deutsche Mentalität ein wenig kenne – ich habe hier einen Großteil meiner Jugend verbracht und verbinde mit Deutschland viele schöne Erinnerungen – denke ich, dass die Grundhaltung und die Motivation unseres Helden auch dem deutschen Publikum gefallen werden. Seine Sorge um die Zukunft unseres Planeten und um die Menschen, die darauf leben – damit verinnerlicht Largo Werte, die auch den Deutschen sehr am Herzen liegen. Largo versucht immer alle Geschäfte „anständig“ abzuwickeln und das ist wahrscheinlich auch genau der Charakterzug, der diesen Milliardär so atypisch und so sympathisch macht.
In Deutschland haben sich Comics als Kunst auch für Erwachsene bisher nicht bei der breiten Masse etabliert. Welchen Stellenwert haben Comics in Belgien und Frankreich?
Bei uns gibt es alle möglichen Arten von Comics: den Comic für das breite Publikum, den Comic als Kunstform oder auch experimentelle Comics und diese wiederum in allen möglichen Genreformen, basierend sowohl auf fiktiven wie auch wahren Geschichten.
Warum kommen derart viele wichtige Comic-Künstler aus Belgien?
Es regnet viel in Belgien! Belgien ist dank Hergé quasi zur Wiege der neuen Comictalente geworden. Man kann es in etwa mit einer Galaxie im Weltall vergleichen, in der es auch bestimmte Gebiete gibt, in der die Entstehung neuer Sterne eher begünstigt wird als in anderen. Da sich diese Entwicklung schon vor dem Krieg abgezeichnet hatte und da nach Kriegsende Belgien, ganz im Gegensatz zu Frankreich, sehr von der Unterstützung der Amerikaner und dem Marshall Plan profitierte, konnten dort die Druckereien sofort wieder anlaufen. In Frankreich hingegen musste man, vor allem aufgrund des Papiermangels, bis Mitte der 50er Jahre warten bis die Comic-Industrie wieder einen Neubeginn verzeichnen konnte. Das hatte auch zur Folge, dass viele französische Comicautoren und –zeichner nach Belgien kamen, da sie hier sofort Arbeit fanden. Dies trifft z.B. auch auf die Schöpfer von Asterix zu. Das erklärt vielleicht Belgiens „Sonderstellung“.
Welche Comic-Verfilmungen sind Ihre liebsten? Und wie fanden Sie die TV-Adaption von „XIII“?
Ich finde „Asterix und Cleopatra: Mission Kleopatra" von Alain Chabat großartig. Dieser zweite Asterix-Film ist für mich ein Musterbeispiel einer intelligenten und gelungenen Adaption. Zu „XIII“ habe ich keine Meinung, oder besser gesagt noch immer keine Meinung, da ich ihn noch nicht gesehen habe.
Freuen Sie sich auf Spielbergs „Tim und Struppi“-Verfilmung?
Natürlich! Ich werde einer der ersten sein, der ihn sich im Kino ansieht, sobald er herauskommt.
Der Film „Largo Winch“ erscheint als Doppel-DVD bei Sunfilm. Die Comics sind verlegt bei schreiber&leser.
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